NRW-PANORAMADonnerstag, 4. April 2002
 Deutschland Seite 44

ABC

von NRW

V wie
Vereinsmeierei

Wenn das Enkelkind das Licht der Welt erblickt, ist für den Großvater der erste Weg klar: Der führt nicht etwa ins Krankenhaus, sondern zur Arena. Zumindest wenn der Opa in Gelsenkirchen lebt. Dann wird der Enkel beim FC Schalke 04 angemeldet – erst danach kann man beruhigt in der Klinik nach dem Rechten sehen. Der Klub kommt direkt nach der Familie und für manche auch davor. Wie keine andere Nation lieben die Deutschen ihre Vereine. Jeder Zweite nennt sich Mitglied, in NRW sogar noch mehr. „Nirgendwo sonst ist die Vereinsdichte so hoch wie hier“, sagt der Düsseldorfer Politologe Ulrich von Alemann.

Heimat und Geborgenheit bieten Schützenbrüder und Kegelschwestern – der Verein wird als harmonische Großfamilie idealisiert, dabei ist er oft streng hierarchisch, ja sogar diktatorisch organisiert: Das Präsidentenamt wird quasi auf Lebenszeit verliehen, eine Abwahl des Patriarchen gelingt nur durch einen Putsch. Bei Sitzungen geht es bierernst zu: Über die Einhaltung des Protokolls wacht der Schriftführer: Wehe, ein Tagesordnungspunkt wird nicht satzungsgemäß abgewickelt! Der Verein verleiht auch Identität, Ansehen und Würde. Über die deutsche Neigung, Mitglied in mindestens einem Verein zu sein, schrieb Kurt Tucholsky 1926: „Ich bild mir gar nichts ein ... und doch ist das Gefühl so schön, zu wissen: sie können mich ja gar nicht missen in mein’ Verein. Da draußen bin ich nur ein armes Luder. Hier bin ich ich – und Mann und Bundesbruder.“

Die oft belächelte Vereinsmeierei mag ein Grund dafür sein, dass Jugendliche sich abwenden. Tauben- und Kaninchenzüchter klagen über Nachwuchsmangel. Von Alemann hält neben dem Wertewandel und der Individualisierung die „Konkurrenz auf dem Zeitbudget-Markt“ für die Hauptursache des Mitgliederschwundes. Im Wettbewerb mit Multiplex-Kino oder Straßencafé hat das verrauchte Vereinslokal keine Chance. Dennoch ist die Institution keineswegs vom Aussterben bedroht. Fünf Millionen Mitglieder haben allein die 20000 Sportvereine, die im Landessportbund NRW organisiert sind. In den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf betreibt jeder vierte Vereinssport, im Regierungsbezirk Detmold sogar jeder dritte. Wer aufs Land zieht, sollte tunlichst in den örtlichen Sportverein, besser noch in den Schützenverein, eintreten, möchte er nicht ewig der Zugezogene bleiben. Ingo Steinhaus aus Wermelskirchen hasst Schützenvereine, liebt aber Vereinsmeierei. Deshalb hat er mit sechs Freunden die „Bergischen Brustkrauler e.V.“ (BBK) gegründet. Jeder bekam ein Pöstchen vom Alterspräsidenten über den Kronprinzen bis hin zum Kleiderwart. Der Zweck ist laut Satzung: „die Pflege und Förderung des deutschen Brust(kraul)gutes, dessen sportliche Ausübung wegen seiner zugleich erzieherischen und persönlichkeitsbildenden Werte der körperlichen und geistigen Ertüchtigung seiner Mitglieder dient“. Sollte Steinhaus einmal Opa werden, wird er sein Enkelkind sofort bei den Brustkraulern anmelden.

Christina

Sticht

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